Waldorfschule Wien-Mauer
Bestandssanierung und innovativer Erweiterungsbau
Wien-Mauer zählt zu den wohlhabenderen Gegenden der Bundeshauptstadt. „Weinbeißer“ aus Nah und Fern schätzen diesen Ortsteil des 23. Wiener Gemeindebezirks, Liesing, ob seiner gemütlichen Heurigenlokale, die erstklassige Weine kredenzen. Seit 1938 ist Mauer ein Teil Wiens. Schon elf Jahre davor, 1927, erfolge die Gründung der Waldorfschule Mauer, der ersten ihrer Art in Österreich.
Vor genau 50 Jahren wurde das dem Maurer Schlössl – seit 1969 Schulstandort der Waldorfschule – gegenüber- liegende Gebäude in der Endresstraße 113 inklusive einer großen Freifläche mit Baumbestand zugekauft. Nach der aktuellen Sanierung sowie dem Um- und Zubau finden hier der Waldorfkindergarten, vier Unterstufenklassen der Waldorfschule, der Schulhort, das Schulrestaurant, eine Sporthalle, Bewegungs- und andere Räumlichkeiten Platz.
Was lange währt ...
Bis es soweit war, sollte in Mauers Heurigen noch viel Wein die Kehlen runterrinnen. Die Planungen für das Bauvorhaben begannen 2014 und brachten für Dietrich | Untertrifaller und Andreas Breuss zunächst den Sieg beim Architekturwettbewerb. Der Grund dafür, dass es dann weitere zehn Jahre bis zur Eröffnung der neuen Räumlichkeiten dauerte, liegt zum Großteil an bürokratischen Hürden nach Einsprüchen, die neue Einreichungen, Widmungsänderungen etc. nach sich zogen. Doch Geduld und Beharrlichkeit des Bauherrn und der Planer lohnten sich, wie das Ergebnis – ein Gebäude, das architektonische Qualität mit Nachhaltigkeit verbindet und das zum Lernen anregt – beweist.
Die Ausgangssituation, die den Architekten als Basis für ihre Planungen diente, war durchaus komplex, denn die Waldorfschule in Wien-Mauer ist auf zwei Gebäude aufgeteilt, die durch die vielbefahrene Endresstraße getrennt sind. Auf der einen Seite, stadtauswärts gesehen rechts, steht das sogenannte Maurer Schlössl, ein denkmalgeschützter Barockbau. Auf der gegenüberliegenden Seite befindet sich ein Herrenhaus aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, das unter Ensembleschutz steht, was mit diversen Einschränkungen, z. B. in punkto zulässiger Bauhöhe, einhergeht.
Aber genau hier eröffneten sich Möglichkeiten, die räumlich notwendige Erweiterung der Schule umzusetzen. Der Entwurf von Dietrich | Untertrifaller und Andreas Breuss setzt auf eine Expansion in den parkähnlichen, von der Straße abgewandten Teil des Grundstücks. Dabei „umarmt“ der Neubau den Bestand regelrecht „von hinten“, ohne von der Straße aus großartig wahrgenommen zu werden.
Das ist aber bei weitem nicht das einzige Kunststück, dass den Architekten hier gelungen ist. Zu würdigen ist auch, dass sie den alten Baumbestand im Schulpark erhalten konnten, was angesichts zunehmender Hitzetage ein echter Segen für Kinder, Betreuer und sonstige Nutzer ist.
Beton, Holz und Lehm
Mehr als nur erwähnenswert ist weiters der Materialmix, der dem Erweiterungsbau, teils auch dem Bestand, besondere Qualitäten in punkto Lebendigkeit, Nachhaltigkeit, Atmosphäre und Haptik verleiht. So setzte der u. a. mit den Baumeistertätigkeiten beauftragte Generalunternehmer, Handler Bau, Keller und Treppenhaus aus Sicht-
beton um, während der restliche Neubau in Holzbauweise errichtet wurde. Die Wände sind mit Lehm verputzt. Er wurde aus dem Aushubmaterial des Kellers gewonnen und sorgt für ein natürliches Raumklima.
Ermöglicht wurde die gelungene Realisierung des ökologischen Bauwerks u. a. durch die Verwendung von ÖKOBETON-R von Wopfinger Transportbeton: „Dank des Einsatzes von ÖKOBETON-R konnten bei diesem Projekt rund 60 Tonnen Kies und Sand durch Recyclinggesteinskörnung eingespart werden“, verlautet aus dem in Oberwaltersdorf, NÖ, ansäßigen Baustoffunternehmen, das mit 21 Standorten sowie mehr als 350 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern zu den größten Anbietern von Transportbeton in Ost-Österreich zählt.
Bestechendes Raumkonzept
Dietrich | Untertrifaller-Projektleiter DI Harald Eder sowie der Obmann des Schulvereins der Rudolf Steiner-Schule, Engelbert Sperl, erörterten beim Lokalaugenschein von altbauneu das bestechende Raumkonzept. Dieses definiert einerseits das Raumprogramm, das unter dem mit Faserzementplatten gedeckten Walmdach des Neubaus und jenem des Altbaus Platz findet; andererseits erklärt es die Anordnung der unterschiedlichen Bereiche und deren Beziehung zueinander.
Die Laubengänge im 1. Obergeschoß des Neubaus, die Transparenz und Kommunikation fördern und als baulicher Sonnenschutz dienen, stechen besonders ins Auge. Die vier Klassen der Unterstufe mit ihren flexiblen Nutzungsmöglichkeiten, Kleingruppenräumen und Garderoben reihen sich entlang dieser Laubengänge auf. Für den Freiluftunterricht prädestiniert ist die darüberliegende Dachterrasse mit weiteren Klassenzimmern.
Ein Highlight ist die spektakuläre Sporthalle, die beinahe das gesamte Unter- und Erdgeschoß des Neubaus einnimmt. Sie wird über große Fensterbänder mit Tageslicht versorgt und ermöglicht so auch Ausblicke ins Grüne.
Foyer, Kindergarten, Speisesaal und Schulküche liegen nun im Erdgeschoß des Bestands, darüber befinden sich Sonderunterrichtsräume und Lehrerzimmer sowie – im 2. Obergeschoß – ein großzügiger Eurythmie-Saal.
Fotos: Dietrich | Untertrifaller / Aldo Amoretti, Kurt Hoerbst;
Handler Bau / Sima Prodinger; Kurt Kuball und Peneder
Projektpartner Waldorfschule Wien-Mauer
Bauherr: Rudolf Steiner-Schulverein
Architektur: Dietrich I Untertrifaller Architekten ZT GmbH und Andreas Breuss
HKSLE Planung: Immo-Objekttechnik GmbH
GU: Handler Bau GmbH
Metallbau und Schlosserei: Josef Pichler GmbH Schlosserei & Stahlbau
Baustoffe: Wopfinger Transportbeton Ges.m.b.H.
Alu-Innenportale: PENEDER Bau-Elemente GmbH
Lichtschutz: HELLA Sonnen- und Wetterschutztechnik GmbH
