Stadtvilla Eisenstadt, Pfarrgasse 20
Flair der 1950er-Jahre: Stadtvilla mit originaler Ausstattung
Eisenstadt, gemäß Eigendefinition die „kleinste Großstadt der Welt“, ist in ihrem 100. Jahr als Landeshauptstadt des Burgenlands um eine Besonderheit reicher. Die sogenannte „Stadtvilla“ in der zentral gelegenen Pfarrgasse ist ein überaus attraktives, lokales Museum, das sowohl Einheimische wie auch Touristinnen und Touristen anspricht. Vermittelt wird dort einerseits das Geschehen in der Stadt im Zeitraum 1925 – 2025 sowie andererseits das Flair der 1950er-Jahre in einem weitestgehend erhalten gebliebenen Gebäude, das vielen Eisenstädterinnen und Eisenstädtern mittleren und höheren Alters vor allem als Arztpraxis in Erinnerung ist. Eine Erinnerung, der mittels zahlreicher originaler Einrichtungsgegenstände aus dieser Zeit, auf die Sprünge geholfen wird.
Machbarkeitsstudie
„Bevor das Projekt in seine Umsetzungsphase treten konnte, erfolgten ab 2020 umfangreiche Vorbereitungsarbeiten“, verweist Projektleiterin Mag.a Heike Kroemer auf das interdisziplinär zusammengesetzte Team, das sich viele Monate lang mit der Erarbeitung entsprechender Konzepte befasste.
Ganz am Anfang stand eine Machbarkeitsstudie, die als Grundlage für das künstlerisch-gestalterische Konzept und in Folge für das Architekturkonzept diente. Letzteres stammt aus der Feder des Eisenstädter Architekten Klaus-Jürgen Bauer († 27. 6. 2025), der in Kooperation mit dem Baudirektor der Freistadt Eisenstadt, DI Werner Fleischhacker, ein „Haus in Haus“-Konzept entwarf. Dafür gibt es ein prominentes Vorbild, das Lenbachhaus des „Malerfürsten“ Franz von Lenbach in München.
In der Umsetzung bedeutet das, dass die Architektur der Gestaltung folgt. Dabei spielen beide – vom Eingangsbereich angefangen bis in den im hinteren Teil des Grundstücks angelegten Garten – eine zumindest gleichwertige Rolle. Das beginnt beim Niveauausgleich in der Einfahrtsrampe, zieht sich über den der Barrierefreiheit geschuldeten Einbau eines Lifts im Foyer und die originalgetreue Revitalisierung des Haupthauses bis hin zum Neubau des schon ursprünglich geplanten „Gartenhäuschens“.
Ausstellungsstück Nr. 1
„Ausstellungsstück Nr. 1“, betont Projektleiterin Heike Kroemer im Gespräch mit altbauneu, „ist ohne Zweifel das nach seinem prominenten Bewohner benannte Strobach-Haus selbst mit seinen Ordinations- und Wohnräumlichkeiten.“
Ende der 1940er-Jahre von Architekt Rudolf Hutter geplant und nach nur neun Monaten Bauzeit 1950 an den Bauherrn, den Arzt Dr. Friedrich Schrauf, übergeben, erzählen die Exponate in den sanierten Gemäuern
die eine oder andere Geschichte über mehr oder weniger bekannte Eisenstädterinnen und Eisenstädter, z. B. „Hollywood-Export“ Maria Perschy, vor allem jedoch jene von Prim. Dr. Wolfgang Strobach, der das Gebäude ab 1959 bewohnte. Nach dem Ableben des kinderlosen Ehepaars Strobach ging die Liegenschaft an den Konvent der Barmherzigen Brüder über, in dessen Besitz sie sich bis heute befindet. Betreiber der „Stadtvilla“ ist die Stadtgemeinde Eisenstadt, die mit den Barmherzigen Brüdern einen langfristigen Mietvertrag abschließen konnte.
Architektonische Leitpfähle
Architektonische Qualität und eine Vielzahl interessanter Aspekte eröffnen sich dem Betrachter bald nach
Durchschreiten des straßenseitigen Eingangstors. Vom Foyer aus, das durch den Abbruch eines Zwischentrakts entstand, steht bereits das ehemalige Wohnhaus im Fokus.
„Die Anbindung des Foyers an das Strobach-Haus durch eine optisch stimmige Glasdachkonstruktion ist einer der größten architektonischen Leitpfähle, die hier eingeschlagen wurden“, weist DI Andreas Sommer vom Architekturbüro Halbritter ZT GmbH, das mit Ausschreibungs- und ÖBA-Belangen betraut war, auf eines von vielen gelungenen Details hin.
Neu gebaut ist auch das in markantem Rot gehaltene Gartenhäuschen. Es steht an jenem Platz, der schon vor Jahrzehnten vom Schwiegersohn des Bauherrn für die Errichtung eines Bungalows ins Auge gefasst wurde. Der in Holzbauweise errichtete Pavillon ähnelt vom äußeren Erscheinungsbild her dem ehemaligen Bauvorhaben. Interessant: Das Salettl im Garten der „Stadtvilla“ weist ein Gründach auf, das ein angenehmes Mikroklima unterstützt. Und noch eine Besonderheit: Die originalen Pläne von Arch. Hutter aus dem Jahr 1958 gibt‘s auch noch!
In Summe hob das ausführende Unternehmen, Held & Francke, hier rund 500 m3 Aushub aus, um in der Folge 195 m3 Beton, 14,5 to Bewehrung, 310 m2 Betonfertigteilwände, 110 m2 Vollwärmeschutzfassade, 145 m Kanalrohre und 64 Stück Retentionsboxen etc. zu verbauen.
Dem Salettl gegenüber befindet sich ein Stück der Alten Stadtmauer der Freistadt Eisenstadt. Dort trennt ein Zaun den vorderen vom hinteren Gartenteil ab. Dieser wurde im Original vorgefunden, detailgetreu restauriert und nach Abschluss der Bauarbeiten wieder aufgestellt. Ein liebevolles Kleinod mehr ...
Sensible Eingriffe
Das neue Museum in der Pfarrgasse 20 der burgenländischen Landeshauptstadt glänzt u. a. durch seine multimediale Ausstattung. Die Exponate werden in Ton, Bild, mittels Audioguide, Projektionen etc. präsentiert. Dafür ist jede Menge Technik von Nöten, die das historische Umfeld jedoch nicht beeinträchtigen darf. Andreas Sommer dazu: „Die Vorgabe an die Ausführenden lautete, quasi mit der Pinzette ans Werk zu gehen, sodass nach Abschluss der Umbauarbeiten nichts davon zu sehen ist. Originale Böden, historische Decken mit Hohlkehlen durften nicht geöffnet werden, daher wanderten viele Installationen in die Wände oder – als kreative Lösung – in ‚tote‘ Rauchfänge, die bis an den Rand mit Technik angefüllt wurden.“
Maßanfertigung gefragt
Wo gerade von den Wänden die Rede war: Mit dem Bühnenmaler Georg Scheibenbauer aus Steinberg-Dörfl im Mittelburgenland kamen Malwalzen mit historischen Dekomustern ins Haus, aus denen die passenden Motive für die verschiedenen Räume der „Stadvilla“ ausgewählt wurden. Wände und Decken erstrahlen seither im originalen Flair der 1950er-Jahre.
Eine echte Maßanfertigung ist auch der Terrazzoboden, der Gänge und Stiegen der „Stadtvilla“ ziert. Die
Farbgebung der Gesteinsmischung ist der vorherrschenden Signaturefarbe des Museums, ein kräftiges Weinrot, angepasst. Steinmetzmeister Wilhelm Falk aus St. Georgen, einem Ortsteil von Eisenstadt, verlegte etliche Quadratmeter dieses schönen, strapazfähigen und traditionsreichen Bodens. Terrazzo wird bereits seit der Antike verlegt und findet sich beispielsweise auch in Villen aus der Römerzeit.
Weitestgehend original erhalten und fachmännisch restauriert präsentieren sich hingegen die Holzböden in den ehemaligen Wohnräumen der jetzigen „Stadtvilla“ – darunter edler und besonders schöner Fischgrät-Parkett. Architekt Klaus-Jürgen Bauer (†) geriet im Rahmen einer Führung durch das Haus geradezu ins Schwärmen: „Dieses Bauwerk ist wie eine Zeitkapsel, denn so gut wie alles befindet sich in einem Zustand wie vor 70 Jahren. Das meiste ist in einem unglaublich guten Zustand. Böden, Fenster, Türschnallen und -glocken – alles ist original.“
Fotos: Stadtgemeinde Eisenstadt / Stephan Doleschal, Ronald Fenk, Heike Kroemer
Projektpartner Stadtvilla Eisenstadt
Bauherr: Stadtgemeinde Eisenstadt
Bauausführung: Held & Francke Baugesellschaft m.b.H.
Modell- und Holzbau: MODELLART
