Musikschule Schloss Gainfarn
Sanierung, Umbau und Erweiterung in Bad Vöslau

 

In Gainfarn, einem Stadtteil von Bad Vöslau in Niederösterreich, steht vermutlich seit dem 13. Jahrhundert (diesbezügliche Daten sind nicht belastbar, denn Genaueres zum Errichtungszeitpunkt und zum ursprünglichen Bauherrn sind mangels Fakten in wesentlichen Punkten nur Vermutungen) der Vorläufer des heutigen Schlosses. Baualterspläne, die der Leiter des Landeskonservatorats für Niederösterreich des Bundesdenkmalamts, DI DDr.

Patrick Schicht, u. a. in der sehenswerten Festschrift zur Revitalisierung des Schlosses Gainfarn (erhältlich in der Stadtgemeinde Bad Vöslau) publiziert, datieren die ältesten Teile der Anlage ins 15./16. Jahrhundert. 

Im Laufe der aktuellen Bauarbeiten kamen zahlreiche Indizien zum Vorschein, die  einerseits den vermuteten Ursprung des heutigen Schlosses als spätmittelalterlicher Lesehof stützen, andererseits diverse Umbauten innert der letzten fünf Jahrhunderte belegen.

Seit 2001 befindet sich das Schloss im Besitz der Stadtgemeinde Bad Vöslau und ist Sitz der städtischen Musikschule.

Bei der Bewertung der Gegebenheiten vor Sanierungsbeginn stand unter anderem die Topographie des Gesamtensembles im Fokus – vor allem im Hinblick auf die Anbindung der neu zu errichtenden Gebäudeteile. Das Niveau fällt von Ost nach West (in Richtung der Gainfarner Pfarrkirche) deutlich ab. Ein Umstand, der für Planer und Bauausführende die eine oder andere Herausforderung bedeutete. Als typisches Beispiel kann die Absenkung der süd- und nordseitigen Außenniveaus um gut 1,5 Meter gelten. Dadurch konnten u. a. vorher teilweise unter der Erde liegende Räumlichkeiten aufgewertet und einer relevanten Nutzung zugeführt werden. Durch diese Maßnahme entstand auch ein weiterer Eingang zum Schloss.

Ein weiteres Beispiel: Der Zubau schließt an das Fußbodenniveau des bestehenden Westtrakts an, um eine durchgehende Ebene – und somit eine barrierefreie Verbindung des Bestands mit dem Neubau – im Erdgeschoß zu schaffen. An diese Höhe wurde die Absenkung des Hofniveaus angepasst. 

  

Schloss und Nebengebäude

 

Unschwer zu erkennen ist, dass der östliche Gebäudeteil das ursprüngliche Schloss markiert. Die beiden segmentbogenförmigen Vorsprünge wurden jedoch erst im Jahr 1929 hinzugefügt. Aus dieser Zeit stammt auch das hofseitige Treppenhaus. Diese Gestaltungselemente sind somit deutlich jüngeren Datums als die Westtrakte. 

Die Fassade des östlichen Traktes wies in früherer Zeit im Erdgeschoß eine Putzbänderung auf. Diese ist auf historischen Fotos noch zu sehen und wurde in den 1950er-Jahren durch einen glatten Putz ersetzt. Die Änderungen aus dieser Zeit - z. B. der glatte Putz sowie der Anbau an der Nordostecke des Gebäudes – wurden vom Bundesdenkmalamt (BDA) ebenso als schützens- und erhaltenswerter Bestand anerkannt wie die Umbauten des Jahres 1929.

 

Bestand umfassend saniert

 

Die drei oben erwähnten, bis dahin getrennt voneinander erschlossenen Bauwerke erfuhren in den Jahren 2021 bis 2023 eine umfassende Sanierung, da deren wesentliche Gebäudeteile, insbesondere Fassaden, Dachgebälk, oberste

Geschoßdecken etc., als erhaltenswert befunden wurden – im Gegensatz zu einem weiteren Bestand, der aufgrund seines desolaten Zustands abzureißen war.          

Der für Sanierung und Erweiterung verantwortlich zeichnende Architekt, DI Johannes Kraus (archipel architekten) betont: „Es ist uns gelungen, das Maximum an historischer Substanz zu erhalten, beispielsweise den gesamten Dachstuhl, den Großteil der Fassaden oberhalb des Sockelbereichs, die Kastenfenster und Fensterläden, die Terrazzoböden, die Steintreppen sowie rund 95 % der historischen Parkettböden.“

Besucht man Schloss Gainfarn bzw. die Musikschule, lässt sich rasch der Umfang der Sanierungs- und Umbauarbeiten erahnen, die sowohl die Außenbereiche als auch das Innere des Ensembles betrafen. Kastenfenster, Türen, Beschläge, Stuckdecken, Kamine ... wurden saniert bzw. dort, wo das nicht möglich war, erneuert. 

Das Geländer der Altane wurde wieder auf seinen früheren Status zurückgebaut. Vor der Sanierung befand sich dort eine geschlossene Brüstungsmauer, die viel zu „massig“ im Verhältnis zu den Säulen war. Diese Mauer wurde abgebrochen und durch ein filigranes Stabgeländer ersetzt, das die Proportionen wiederherstellt.

Die Dachdeckung war noch jene aus dem 19. Jahrhundert und am Ende ihrer Lebenszeit (bröselige Dachziegel, undichte Stellen) angelangt, sodass klar war, dass sie – inklusive Gaupen – komplett erneuert werden musste. Der Dachstuhl hingegen blieb komplett erhalten. 

Diese für jedermann sichtbaren wurden von auf den ersten Blick nicht sichtbaren Maßnahmen ergänzt. Dazu zählen Mauertrockenlegungen samt Fassadensanierung mit Opfer- und Kalkputz, die Anbindung der Kanalisation, Brandschutzmaßnahmen, statische Ertüchtigungen im Bereich der Dachstühle, Unterbau der Dachdeckung und Dämmung der obersten Geschoßdecke u.v.m.  

 

Neubau mit Konzertsaal

 

Der optischen Dominanz des Bestands stellte Architekt Johannes Kraus im nordwestlichen Teil des Areals einen eher zurückhaltenden Neu- bzw. Zubau zur Seite: „Durch das Baufeld vis-a-vis des historischen Schlosses war für uns klar, dass der Neu- und Zubau nur die zweite Geige spielen wird und sich als flaches, horizontal gegliedertes Gebäude quasi im Hang vergräbt. Nur die Außenkontur des 9 m hohen Konzertsaals sollte als goldener Kubus

hervortreten.“

Im Neubaubereich spielt das einladend helle, ins Erd- und Untergeschoß reichende Foyer eine zentrale Rolle, werden von hier aus doch sämtliche Teile sowohl des Bestandsgebäudes als auch des Neubaus barrierefrei erschlossen. Das Foyer erfüllt als zentrale Drehscheibe auch die Funktionen einer Info- und Verweilzone mit kleiner Gastro und abtrennbarem Seminar- und Ausstellungsraum. 

An diesen Eingangsbereich, der sowohl im Erdgeschoß vom Park her als auch im Untergeschoß über den im Süden neu gestalteten Vorplatz des Westtrakts zugänglich ist, schließen zahlreiche weitere Funktionen an, u. a. der Zugang zur Musikschule, der Konzert- und Probesaal, Backstagebereiche, ein Tanzsaal, Garderoben, die Liftanlage

(Stichwort: Barrierefreiheit) und das zentrale Stiegenhaus, Seminar- und Unterrichtsräume, Küche, Sanitäranlagen und der Patio als interner Licht- und Pausenraum. Über das Herzstück des Neubaus, den 250 Besucherinnen und Besucher fassenden Konzert- und Probesaal, dessen Bühne bis zu 70 Musikerinnen und Musikern Platz bietet, sagt Architekt Kraus: „Der Saal ist dem Grunde nach eine streng rektanguläre ‚Schuhschachtel‘, die ihre Raffinesse in der Vielschichtigkeit von Wand und Decke entfaltet. Diese bestehen aus über 200 schwarzen Reflektor-Paneelen, die individuell verstellbar sind. ...“.

Bestand sowie Neu- und Zubauten werden von Freiräumen unterschiedlicher Art sowie einem großen Schlosspark umspielt. Alles zusammen ergibt ein harmonisches Ganzes – ein idealer Ort für Kreativität und Kunstgenuss.                  

Fotos: kosaplaner; Sedlak Bau / Bernhard Schramm; 

Architekt Kraus / Rupert Steiner; Hutter Acoustix / Markus Kaiser; Roberto Verzo

Projektpartner Musikschule Schloss Gainfarn

 

Bauherr: Stadtgemeinde Bad Vöslau

Architektur: Arch. Johannes Kraus (archipel architekten) + SWAP Architektur ZT GmbH

Bauausführung: Dipl. Ing. Wilhelm Sedlak Gesellschaft m.b.H.

ÖBA: kosaplaner gmbh

DIE SCHREIBMEISTER OG • A-2491 Neufeld an der Leitha • Lisztgasse 2                  www.altbauneu.at


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