Europäisches Patentamt, 1030 Wien
Energetisch maximiertes Bürogebäude aus den 1970ern
Im März 2023 gab die Europäische Patentorganisation (EPO) mit Hauptsitz in München anlässlich des Internationalen Tags des Waldes und der Earth Hour bekannt, „dass es sein Dienstgebäude in Wien gemäß den höchsten Umweltstandards vollständig renovieren wird. Dieser Entscheid erfolgt im Einklang mit dem übergeordneten Bekenntnis des Amts zu ökologischer Nachhaltigkeit und CO2-Neutralität.“
Das Bürogebäude des Europäischen Patentamts (EPA) am Rennweg in Wiens 3. Bezirk sollte im Zuge seiner Revitalisierung zu einem hochmodernen „Green Hub“ mit höchsten Ansprüchen an Nachhaltigkeit, Ressourcenschonung und Energieeffizienz werden. Nach gewonnenem Wettbewerb 2021 wurden ATP architekten ingenieure, Wien, mit Sanierung und Umbau beauftragt.
„Die Dienststelle Wien spielt seit ihrer Eröffnung 1991 eine wichtige Rolle für das EPA. Durch die Entscheidung, anstatt einem Komplettabriss und vollständigen Neubau die ursprüngliche Betonstruktur des Gebäudes zu erhalten, wird etwa die Hälfte an Kohlendioxid eingespart. Unsere Pläne, das Gebäude in ein nachhaltiges umzuwandeln, entsprechen den höchsten Anforderungen der BREEAM-Zertifizierung“, so EPA-Präsident António Campinos.
Ziel: Netto-Null-Emissionen
Das 1972 errichtete Gebäude war am Ende seiner Betriebslebensdauer angekommen. „Wir haben das ursprünglich viergeschoßige Bestandsgebäude bis auf den statisch tragenden Rohbau komplett entkernt, die vertikale Erschließung neu konzipiert sowie die Fassade gestalterisch und energietechnisch erneuert. Auch die
Gebäudetechnik haben wir modernisiert und auf das Ziel Netto-Null-Emissionen ausgerichtet. Entscheidend für die hohe Qualität dieses Projekts war die integrale, cloudbasierte Kommunikation aller Beteiligten im BIM-Modell, von der Planung über die Ausführungsphase bis zum Facility Management. Das Europäische Patentamt wird so zum ‚Best Practice‘-Projekt für einen nachhaltigen Umgang mit dem Bestand“, betont ATP-Partner und Geschäftsführer in Wien, Horst Reiner.
Der Einsatz kreislauffähiger Materialien, u. a. in einer hocheffizienten Holzelementfassade, ökologische Regenwassernutzung, Akustik-Klimapaneele zum Heizen und Kühlen sowie die Eigenversorgung
mit erneuerbarer Energie aus einer Geothermie-Anlage mit 19 Erdwärmesonden, einer Wärmepumpe und einer großflächigen
PV-Anlage samt internem Speicher führten zur BREEAM-Zertifizierung „Outstanding“. Das Gebäude erzielt damit die bis dato höchste Bewertung im DACH-Raum. Die enge Zusammenarbeit mit Expert:innen
für nachhaltiges Bauen von ATP sustain gewährleistet, dass alle ökologischen Nachhaltigkeits- und Effizienzziele erreicht werden können.
Allfällige überschüssige Energie wird in das Stromnetz von Wien Energie eingespeist.
Wie konsequent dieses Konzept umgesetzt wurde, zeigt die Tatsache, dass das Gebäude sogar ein Fahrraddepot beherbergt, damit die Bediensteten umweltfreundlich an ihre Arbeitsplätze gelangen können.
Von Geschichte umgeben
Das Bürogebäude steht wie ein Pavillon in der einzigartigen Grünanlage zwischen dem UNESCO-Weltkulturerbe Schloss Belvedere mitsamt Park, dem Salesianerinnenkloster und dem Botanischen Garten und fügt sich harmonisch in das historische Ensemble ein. Wichtigstes neues Gestaltungselement ist das Atrium, das sich um eine zentrale Treppe über alle Geschoße erstreckt und einen offenen Kommunikationsraum schafft. Die öffentliche Zone verbleibt im Erdgeschoß, während gemeinschaftliche Nutzungen, wie Caféteria und multifunktionale Räume für Veranstaltungen, auf das Dach (!) übersiedelt sind.
Bei der Gestaltung der Büroräumlichkeiten in den Obergeschoßen standen Flexibilität, Transparenz und Offenheit im Mittelpunkt. So können die Räume in der Tiefe sowie in jeder Achse leicht adaptiert werden, um sich den aktuellen und zukünftigen Bedürfnissen der Nutzerinnen und Nutzer ohne großen baulichen Aufwand anzupassen.
Ehemaliger PORR-Standort
Originellerweise erhielt der Baukonzern PORR den Auftrag, die Sanierungsarbeiten am EPA durchzuführen, handelt es sich doch um einen ehemaligen Standort des Bauunternehmens.
Neben der bereits eingangs erwähnten Entkernung des Gebäudes bis auf das Rohbau-Stahlbetonskelett und die Erneuerung der Fassade mittels vorgefertigter Holzelemente stand aus baulicher Sicht auch die Errichtung einer neuen Liftgruppe und der Bau von Fluchtstiegenhäusern im Fokus.
Preisgekröntes Bauvorhaben
Die Top-Qualität dieses Bauvorhabens blieb Jurys diverser Wettbewerbe nicht verborgen. Bis dato viermal konnten sich die maßgeblichen Stakeholder des Projekts – vom Bauherrn über die Planer bis zu den Ausführenden – über Auszeichnungen freuen. So gingen der Architekturpreis „gebaut 2024“, Silber beim Wiener Stadterneuerungspreis, eine Anerkennung beim Österreichischen Betonpreis sowie der prestigeträchtige ICONIC AWARD des German Design Council auf das Konto des Europäischen Patentamts in Wien.
Dazu das Statement des Sprechers von Beton Dialog Österreich, Dr. Nedad Memic: „Mit dem Österreichischen Betonpreis 2025 würdigte Beton Dialog Österreich zum zweiten Mal den innovativen Einsatz von Beton in der
österreichischen Architektur. Die österreichweite Auszeichnung zeigt das Potenzial von Beton für kreislauffähiges und klimagerechtes Bauen auf. Das EPA gewann den Anerkennungspreis in der Kategorie Revitalisierung. Dieses Projekt veranschaulicht eindrucksvoll, wie ein Betonskelettbau zukunftsfähig transformiert werden kann.“
DI Christoph Ruck, Innungsmeister der Landesinnung Bau der WKW, meinte zur Zuerkennung von Silber beim
37. Wiener Stadterneuerungspreis: „Die Landesinnung Bau der Wirtschaftskammer Wien honoriert
herausragende Sanierungs- und Revitalisierungsprojekte – und setzt so ein Zeichen für die nachhaltige, stadtbildprägende Entwicklung. Aus 33 Einreichungen erhielten in der Kategorie Pionier-Leistung drei Projekte einen ‚Wiener Güteziegel‘ – in Gold, Silber und Bronze. Ich gratuliere dem Europäischen Patentamt Wien zum Gewinn von Silber.“
Aus der MA19 der Stadt Wien verlautet: „Das Europäische Patentamt Wien wurde als eines von 25 im letzten Jahr fertiggestellten Architekturprojekten vom Magistrat für Architektur und Stadtgestaltung der Stadt Wien ausgezeichnet. Der Preis ‚gebaut 2024‘ würdigt innovative Beiträge zur Stadtgestaltung mit besonderem Fokus auf das äußere Erscheinungsbild. Die Siegerprojekte werden bis Juni 2026 in der Ausstellung ‚gebaut 2024‘ im Magistrat einem interessierten Publikum präsentiert.“
Fotos: ATP / Pierer; Strobl Bau / Porr
Projektpartner Europäisches Patentamt, Wien III.
Bauherr: Europäische Patentorganisation (EPO)
Architektur / Integrale Planung: ATP architekten ingenieure, Wien
Bauausführung: PORR
Interessensvertretung: Beton Dialog Österreich
