Stadttheater Wiener Neustadt
Neuer Veranstaltungsraum in und für Retz
Das Theater als Bauform in der Architektur ist im antiken Griechenland entwickelt worden, mit Sitzreihen im Zuschauerraum, Orchestra und Bühne. Das Bauwerk wurde in einer Weise errichtet, die gewährleistet, dass man überall im Theater alles hören konnte. Was sich wie eine allgemein gültige Konstruktionsvorlage liest, wurde auch im Stadttheater Wiener Neustadt, das kürzlich saniert wurde, umgesetzt.
Als der Vorhang erstmals fiel
Das Gebäude in der Wiener Neustädter Herzog-Leopold-Straße blickt auf eine (ereignis-)reiche Historie zurück. Mehr als 120 Jahre lang diente es frommen Karmeli-tinnen als Kloster, ehe dieses von Kaiser Joseph II. aufgelassen wurde.
Nach umfangreichen Adaptierungen und Umbauten im Bereich der vormaligen Klosterkirche fiel am 23. Oktober 1794 erstmals der The-atervorhang. Mehrfache Beschädigungen und Zerstörungen durch Brände und kriegerische Auseinandersetzungen konnten dem Standort in der Folge nicht den Garaus machen, weshalb hier bis heute gespielt und gesungen wird.
Der aktuellen Generalsanierung gingen erhaltende Maßnahmen letztmals in den 1970er-Jahren voraus. Es war also höchst notwendig, dem Zahn der Zeit, der an der Substanz des Gebäudes nagte, die Wurzel zu ziehen. Das Land Niederösterreich – Abt. Kunst und Kultur (K1), die Wirtschaftsagentur des Landes, ecoplus, sowie die Stadt Wiener Neustadt teilen sich die Kosten dafür zu je einem Drittel. Und so erhielt die ARGE KSMP Stadttheater, bestehend aus der koup architekten zt gmbh sowie der DI Siedl & DI Maurer ZT GmbH, den Generalplanerauftrag für die Sanierung. Architekt DI Peter Übersberger (koup architekten) erinnert sich: „Ursprüngliches Ziel der Bauherrschaft war eine Teilsanierung des Stadttheaters – mit dem Hauptaugenmerk auf eine technische Erneuerung und die Neugestaltung des Eingangsfoyers sowie der Pausenräumlichkeiten. Schritt für Schritt kamen dann alle Räumlichkeiten rund um den Theatersaal, der ursprünglich ebenfalls nur technisch aufgerüstet werden sollte, sowie die Toilettenanlagen dazu.“ Schlussendlich erfuhr das gesamte Gebäude eine Generalsanierung, in die rund 14,5 Millionen Euro investiert wurden.
Die positiven Folgen der nunmehr wesentlich umfangreicheren Maßnahmen sind in sämtlichen Bereichen des Hauses sicht- und erlebbar. Bereits im Foyer fällt auf, dass aus einem eher bedrückend niedrigen ein heller, großzügiger Raum entstanden ist. Zu diesem Zweck wurde die Decke zum darüber liegenden Geschoß geöffnet. Sanierte Stiegenhäuser samt Galerien führen links und rechts zu den Besucherrängen.
Unter dem Grundsatz „Ein Gebäude muss funktionieren“ brachte sich auch das Landeskonservatorat für Niederösterreich des Bundesdenkmalamts unter der Leitung von DI DDr. Patrick Schicht konstruktiv in das Projekt ein.
Herzstück Theatersaal
Wie bei derartigen Großprojekten üblich, galt es, vorab definierte Restaurierungsziele zu erreichen. Für den Theatersaal, der das Herzstück des Wiener Neustädter Stadttheaters ist, bedeutete das, den Zustand, wie er um 1947/48 gegeben war, wiederherzustellen. Das wirkte sich in erster Linie auf die Farbgebung aus, denn die war nicht rot, wie vor der Sanierung, sondern cremeweiß bzw. bernsteinfarben. Diese Farben dominieren gemeinsam mit den gülden leuchtenden Zierelementen heute wieder die Balkone, Wände und Böden sowie die Sitzreihen im Theatersaal und korrespondieren mit dem besonderen eisernen Vorhang des Theaters, den der prominente Künstler Wolf-
gang Hutter, seines Zeichens Gründungsmitglied der Wiener Schule des Phantastischen Realismus, gestaltete. Das Motiv zeigt ein in Rot-, Blau- und Brauntönen gehaltenes Korallenriff ... Architekt Übersberger: „Der Entwurf dafür folgt dem Gedanken, die Räumlichkeiten rund um den zentralen Theatersaal als „weißen Schleier“ auszubilden, um Besucherinnen und Besuchern zu ermöglichen, den Alltag abzustreifen und in die Theaterwelt eintauchen zu können. Daher die weich anmutenden Materialien und warmen Farbtöne.“
Die Materialwahl war generell von hohen Ansprüchen geprägt, gilt es doch, unterschiedliche Nutzungen zu berücksichtigen. So dient das Stadttheater Wiener Neustadt als Sprech- und Musiktheater sowie als Kino. Der Wandbelag beispielsweise besteht deshalb aus geklebter Tapete, Reflektoren und Diffusoren aus Glas sorgen an der Rückseite des Theatersaals für den guten Ton und andere gewünschte Effekte.
Überraschungen inklusive
Sanierungen bergen immer auch die „Gefahr“, auf Überraschendes zu stoßen. Oft handelt es sich dabei um Decken- oder Wandmalereien, die unter diversen Farb- und Putzschichten auftauchen. Nicht anders im Stadttheater Wiener Neustadt. Bei einer Begehung im Bereich oberhalb der Bühne, wo ursprünglich der Altar der 1794 profanisierten Klosterkirche stand und der zu den ältesten Teilen des Gebäudes zählt, kam aus eben dieser Zeit eine Deckenmalerei zum Vorschein. An selbiger Stelle ließ sich erkennen, dass die Decke ursprünglich nicht gerade sondern gewölbt war und der Raum daher höher war als gedacht. Möglicherweise diente der Raum als eine Art Oratorium, das der Kaiser nutzte, um den Theatervorstellungen beizuwohnen: „Eines von mehreren Rätseln in diesem alten Gebäude“, wie Architekt Übersberger anmerkt.
Für kleinere Aufführungen dient im Stadttheater Wiener Neustadt der Salon Bösendorfer. Dessen Holzdecke, scheinbar ein Mauerwerk tragend, das jedoch vermutlich bereits im 16. Jahrhundert in den Raum hineinversetzt wurde, was die Holz- zur Scheindecke werden ließ, wurde um 1800 schwarz übermalt. Die Decke war ursprünglich, einem Zebramuster ähnlich, bunt und quergestreift.
„Sämtliche Restaurierungen und Sanierungen wurden in enger Abstimmung mit dem
Bundesdenkmalamt durchgeführt“, betont der dafür verantwortliche Architekt, DI Gernot Maurer von der
DI Siedl & DI Maurer ZT
GmbH.
Unrestauriert blieb die spät entdeckte Drehbühnentechnik aus den 1940er-Jahren. Sie funktioniert – angetrieben
von einem alten Flakmotor – nach mehr als 80 Jahren und einem kleinen technischen Upgrade noch immer
einwandfrei.
Dann ist da noch der alles überstrahlende, drei Meter hohe und mehr als 300 kg schwere Kristallluster, bestehend aus 12.620 Teilen, der eine eigene Story wert wäre. Auch er wurde saniert und auf LED-Lampen umgerüstet.
Fotos: Stadttheater Wiener
Neustadt / Alex Schwarz Photography; koup architekten zt gmbh
Projektpartner Stadttheater Wiener Neustadt
Bauherr: Stadt Wr. Neustadt
Architektur: ARGE koup architekten zt gmbh / DI Siedl & DI Maurer ZT GmbH
Bauunternehmen: Pittel + Brausewetter Holding GmbH
Baustoffe: baumit.at
